Schließ die Augen.
Was siehst du?

Denk nicht an einen pinken Elefanten.
Was siehst du jetzt?

Wenn ich die Augen schließe, ist da nichts. Keine Farben, keine Formen, keine Lichter. Nur ein statisches Schwarz, eine endlose Leere.

Mein inneres Auge ist blind.

Aphantasie ist die Unfähigkeit, Bilder vor dem inneren Auge zu visualisieren. So lautet zumindest die offizielle Definition. Das Ganze als Erfahrung zu erklären, ist aber eine ganz andere Sache, da jeder Mensch die Welt anders wahrnimmt. Ich kann schlecht etwas beschreiben, das für mich nicht existiert. Und wenn jemand versucht, mir zu erklären was dieses „Innere Auge“ so sieht, kann ich es mir auch nicht vorstellen. Wie erklärt der Vogel der Schlange das Fliegen?

Im Internet gibt es viele Tests und Erfahrungsberichte, die ein wenig an das Thema heranführen, aber so richtig eindeutig ist keiner davon. Für mich kam der Moment der Einsicht eines Abends während dem Einschlafen. Denn meine Aphantasie scheint sich großteils auf visuelle Eindrücke zu beschränken. Während ich also so im Bett lag, Dunkelheit im Zimmer und Dunkelheit in meinen Gedanken, fing ich an, Stimmen zu hören. Erinnerungen an den vergangenen Tag, die das Dunkel mit Worten füllten. Das Lachen meiner Freunde, der Geruch des gemeinsamen Grillabends, das Gefühl der hölzernen Tischplatte unter den Händen. Aber kein Bild, das die Erinnerung begleitete.

All diese Sinneseindrücke waren so lebendig und für mich leichter abzurufen, als loszuwerden. Und wenn man den Leuten im Internet glauben darf, dann geht es vielen mit Bildern wohl genauso. Sie schließen die Augen, und sehen tatsächlich, was sie sich vorstellen. Erinnerungen sind nicht nur eine Ansammlung an ungreifbaren Eindrücken, sondern geistige Momentaufnahmen, wie ein Foto, farbecht und lebendig.

Mein erster Gedanke nach dieser Erkenntnis, war Enttäuschung. Trauer über den Verlust von etwas, das ich nie besessen habe. Das Wissen, dass mir etwas fehlt, das für andere so selbstverständlich ist. Etwas so Großes und für einen Künstler doch Unverzichtbares wie ein inneres Auge. Bis heute macht es mich noch manchmal traurig, wenn ich daran denke. Und tatsächlich ist es etwas, das mich nicht nur in meiner Kunst, sondern in meinem ganzen Leben beeinträchtigt.

Ich habe ein unvorstellbar schlechtes Namen- und Personengedächtnis. Ich kann jemanden seit Jahren zu meinen engen Freunden zählen und in einer Menge doch nicht wiedererkennen. Und für eine simple Bleistiftzeichnung, die ein anderer (manche könnten sagen „besserer“) Künstler an einem Nachmittag fertig hat, brauche ich meist um die 100 Stunden. Grund dafür ist eben, dass ich mir nicht vorstellen kann, was ich zeichnen will. Ich habe eine Idee, ein grobes Konzept, aber die Komposition, Proportionen, Perspektive, alles was ein Bild zu einem Bild macht, muss ich auf dem Papier erarbeiten.

Es ist ein Handicap, zweifellos. Aber ich habe nicht nur gelernt, damit zu leben und unbeirrt meiner Kunst nachzugehen. In mancher Hinsicht, macht es mich sogar stärker. Ein Beispiel:

Als ich meinen Freunden (von denen übrigens kein anderer Aphantast ist) davon erzählte, kam sofort die Frage: „Wie schreibst du??“

Ganz einfach. Mit den Händen.

Wer vor allem meine neueren Geschichten kennt, weiß, dass meine Charaktere und oft auch Schauplätze meist nur rudimentär beschrieben sind. Haarfarbe, Augenfarbe, Alter. Wenn es besonders wichtig ist, vielleicht auch noch wie groß jemand in etwa ist. Mir ist bewusst, dass die visuellen Beschreibungen in meinen Geschichten mäßig bis schwach sind. Ich habe mittlerweile aufgegeben, etwas beschreiben zu wollen, was ich mir nicht vorstellen kann.

Aber mittlerweile sehe ich es als eine meiner großen Stärken. Denn wo viele andere Autoren sich zu sehr auf das Aussehen ihrer Charaktere und Welt konzentrieren oder gar beschränken, aber ich meinen eigenen Weg gefunden. Viele wichtige – und auch viele meiner Lieblingsszenen finden nun oft in absoluter Dunkelheit oder unter ähnlichen Umständen statt, in denen die Charaktere und damit auch mein Leser, „blind“ sind. Diese Szenen leben von all den anderen Eindrücken, die ich leichter abrufen und beschreiben kann.

Es heißt ja oft, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Aber für mich kann ein Wort mehr als tausend Bilder sagen. Ein verborgener Unterton, ein leichter Hall, ein verräterisches Zittern in der Stimme. Was anderen oft als Schreibübung ans Herz gelegt wird, ist für mich Alltag. Und auch beim Zeichnen war mir die Aphantasie letztendlich eine Hilfe. Ja, ich brauche vielfach länger, um ein Bild fertigzustellen, mit dem ich zufrieden bin. Aber ich habe auch ein enorm gutes anatomisches Verständnis entwickelt.

Wenn meine Aphantasie nun zugegeben ein eher geringfügiges Handicap ist und für nicht-Künstler vermutlich irrelevant, sie ist doch nur ein Beispiel und eine Erinnerung daran, wie unverwüstlich der Mensch ist. Mein inneres Auge ist blind, und doch bin ich Künstler. Beethoven schrieb trotz Taubheit ganze Sinfonien. Die Paralympics sind voller Spitzensportler mit erheblichen körperlichen Einschränkungen. Und was auch immer dein Handicap ist, es kann dich nicht von deinen Träumen abhalten.

Unsere Leserwertung
[Gesamt: 2 Durchschnitt: 5]