Je länger die Geschichte wird, umso mehr Fallen und Stolpersteine tun sich auf, an denen man festhängen kann. Besonders hohes Fehlerpotenzial haben zum Beispiel Charaktere – jeder einzelne davon. Und je länger die Geschichte, umso schlimmer ist es. Wie schon der Erzähler und sogar die Geschichte selbst, haben auch die Charaktere ihren eigenen Kopf und ihre ganz einzigartige Persönlichkeit. Und diese zu kennen und beizubehalten kann zuweilen eine der größten Herausforderungen eines Schriftstellers sein. Oft wird daher dazu geraten, Steckbriefe zu erstellen, auf denen Aussehen, Hintergrund, Handlungsweise, etc. jeder einzelnen Figur aufgeführt sind. Das ist auf jeden Fall eine gute Idee und ein guter Anfang. Aber ich finde es nicht ganz ausreichend und nicht einmal immer notwendig.

Um Figuren einheitlich und charaktertreu darzustellen, sollte man sie erst einmal kennenlernen. Und das meine ich genau so, wie es klingt: Nehmt euch vor allem zu Beginn der Geschichte bei jeder Szene Zeit für eine kleine „Zwiesprache“ mit den Charakteren und stellt ihnen und euch Fragen zu deren Verhalten: Wer sind sie? Wo kommen sie her? Was tun sie? Warum tun sie es? Mit wem, für wen oder was? Was wollen sie erreichen? Zu welchen Mitteln greifen sie dafür?

Behandelt jeden einzelnen Charakter, wie einen neuen Bekannten oder Freund. Ihr müsst nicht ihre tiefsten Ängste und Wünsche kennen, ihren gesamten Hintergrund und ihren Stammbaum der letzten 12 Generationen. Aber alles, was sie tun, müssen sie euch nachvollziehbar erklären können. Dabei greifen sie – wie ein Freund, der euch seine Geschichte erzählt – auf das zurück, was ihr bereits wisst, fügen aber auch immer weitere Details hinzu, die ihnen immer mehr Tiefe verleihen. Gleichzeitig müsst ihr immer daran denken, dass jede Handlung Konsequenzen hat, die sich auf die Charakterentwicklung auswirken. So wachsen sie im Laufe der Zeit zu einer vollständigen und einzigartigen Persönlichkeit heran. Und jedes Mal, wenn ein Charakter die Szene betritt, könnt ihr euch in ihn hineinversetzen, oder Zwiesprache mit ihm halten, und alle Handlungen charaktergetreu gestalten.

Kurz gesagt: Seid euch bei jeder noch so kleinen Handlung über deren Motivation und Konsequenzen bewusst – und versucht gleichzeitig, nichts zu erzwingen, nur weil es der Plot eurer Meinung nach gerade verlangt. Alles fügt sich, wenn man sich nur Zeit nimmt, zuzuhören.

Es kommt vor, dass Charaktere, die man gut zu kennen glaubt, dann aber trotzdem unerwartet ganz anders handeln, als gedacht. Dafür gibt es mehrere Gründe. Es kann sein, dass man sich die Szene anders vorgestellt hat, als sie sich gerade entwickelt. Tretet in diesem Moment noch einmal einen Schritt zurück und stellt euch und eurem Charakteren erneut all diese Fragen: Was passiert? Wie kommt es dazu? Warum sind die Charaktere anwesend, etc. Wenn ihr auch nur auf eine dieser möglichen Fragen keine Antwort habt, geht noch einmal zurück und sucht nach ihrem Ursprung. Manchmal stellt sich dann heraus, dass man an der fraglichen Stelle einfach eine ganz andere Figur braucht, deren Persönlichkeit und Handlungsmuster besser in die Szene passen. Das kann dazu führen, dass man einige Kleinigkeiten umschreiben muss, oder unverhofft einen ganz neuen Charakter mit einem ganz eigenen Handlungsstrang einführt. Egal, was es am Schluss ist, das die Lücke füllt und die Handlung geraderückt – es geschieht immer zugunsten der Geschichte.

Ein Andermal kann es sein, dass der Charakter nicht der ist, für den man ihn gehalten hat. Ein „guter“ Charakter gibt sich als Bösewicht zu erkennen? Ein unbedeutender Nebencharakter stellt sich als Auserwählter heraus? Ein grausamer Feldherr verheimlicht eine verletzliche, liebevolle Seite? Eine großzügige Königin hat ein dunkles Geheimnis? All das und mehr ist möglich, denn wie ein neuer Freund können auch Charaktere Geheimnisse vor euch haben, die sie euch erst anvertrauen, wenn ihr euch länger kennt. Solche Momente führen meist zu einer kleinen Erleuchtung, denn plötzlich fügen sich frühere Handlungen des fraglichen Charakters zu einem ganz neuen Bild zusammen und bekräftigen deren Motivation um ein vielfaches. Man merkt dann erst im Nachhinein, dass der plötzliche Sinneswandel doch nicht „aus dem Nichts“ kommt, sondern sich lange Zeit angebahnt hat. Das ist das wunderbare am intuitiven Schreiben: Man kann auch selbst jederzeit von der eigenen Geschichte überrascht werden.

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