Wir schreiben das Jahr 2007. Im Kinderzimmer einer jungen, damals noch unter einem anderen Namen bekannten Warda Moram bahnt sich eine Revolution an. Zwei Brüder, so unterschiedlich wie Tag und Nacht, leiten eine neue Zeitrechnung ein. Ein Paradigmenwechsel ungeahnter Tragweite steht bevor, eine Erschütterung der Macht. Und auf einmal ist nichts mehr, wie es einmal war.

Als Leser bekommt man meist nur das fertige Endprodukt zu sehen und macht sich oft nur wenige Gedanken darüber, wie es dazu kam. Wer aber gerne einen Blick hinter die Kulissen wirft oder selbst Geschichten schreibt, weiß, wie viel Zeit, Arbeit und auch andere Menschen hinter so etwas „einfachem“ wie einem Buch stecken. Für euch alle daher an dieser Stelle die Anekdote von der Entstehung des Liber Bellorum. Denn gerade die Reise an der Seite der beiden ungleichen Brüder war eine lange und holprige. Wir mussten gemeinsam viele Hindernisse überwinden und noch mehr Geduld füreinander aufbringen. Die Moral von der Geschicht‘ ist kein Geheimnis und vor allem für die noch unentdeckten Geschichtenerzähler unter euch gedacht, die vielleicht manchmal zweifeln: Geduld zahlt sich aus.

Wer schon einmal einen Blick in den kleinen Schreibkurs dieses Blogs geworfen hat, der weiß, dass ich eine etwas andere – man könnte fast sagen esoterische – Beziehung zum Schreibprozess habe. Aber das war nicht immer so. Vor allem als ungeduldiger Teenager fiel mir das Zuhören schwer. Am Anfang erzählte ich vor allem andere Geschichten nach, die mir gefielen. Heute würde man wahrscheinlich „Fanfiction“ dazu sagen, und ich bin ganz froh, dass es nur wenige Menschen gibt, die je einen Blick in diese Abominationen werfen durften…

Aber eines Tages kam alles ganz anders. Die Idee zum Liber kam mir bereits 2007, in Form von zwei Brüdern, die Kyle und Raven gar nicht so unähnlich waren. Die Geschichte fängt auch ganz ähnlich an – die beiden sind ewig auf der Flucht, ewig auf der Suche. Aber anders als im Liber verlassen sie ihre Welt nie. Magie gibt es bei ihnen noch nicht, und am Schluss ergibt irgendwann gar nichts mehr einen Sinn. Das Besondere daran war aber, dass eine Geschichte zum ersten Mal von einem männlichen Protagonisten getragen wurde, denn bis dahin waren meine Hauptfiguren meist junge Mädchen. Mir ist schon damals das neue Schreibgefühl aufgefallen, ich konnte es aber nicht so recht einordnen.

Im selben Jahr habe ich die Geschichte eines Mädchens geschrieben, das eine Grenze überschreitet und sich plötzlich in einer magischen Welt wiederfindet, wo es eine Akademie der Elementmagie gibt, Altmagier und eine mysteriöse Vereinigung, die aus dem Schatten agiert. Diese Welt sah der Allianz bereits verblüffend ähnlich, und sogar den Blutmeister Sangius trifft man dort schon. Aber abgesehen davon war die Handlung schrecklich „erzwungen“, Spannungsbögen und Charakterentwicklung waren nicht nachvollziehbar oder kaum vorhanden.

Zu dieser Zeit fehlten mir einfach die Geduld und die Weitsicht, um zu erkennen, dass es sich dabei gar nicht um zwei verschiedene Geschichten gehandelt hat. Ich habe sie für beendet erklärt und bin weitergezogen. Drei Jahre lang habe ich mich anderen Geschichten gewidmet, die mir vor allem das geduldige Zuhören nähergebracht haben. Bis dahin konnte ich mich kaum länger als drei Monate auf eine Geschichte konzentrieren, auch das musste sich erst ändern, um dem Liber gerecht zu werden.

2010 war es dann so weit. Die Geschichte der Brüder lässt mich nicht los. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, der magischen Welt in der anderen Geschichte nicht gerecht geworden zu sein. Die Idee, beides zu verknüpfen, ist wie eine Erleuchtung, aber das Ganze in die Tat umzusetzen alles andere als leicht.

Eine alte Geschichte neu zu schreiben ist schwierig, da man versucht ist, sich am alten Text zu orientieren statt nur an der alten Idee. Ich weiß noch, dass ich mehrere Anläufe starten musste, bis ich endlich so weit war, die ursprünglichen Versionen komplett zu ignorieren und stattdessen auf das zu hören, was die Geschichte als Ganzes mir erzählte. Aber eineinhalb Jahre später stand endlich die erste Fassung des heutigen Liber Bellorum.

Die Geschichte hat seitdem mehrere Überarbeitungen erfahren, und nicht zuletzt im Lektorat musste noch die eine oder andere Änderung gemacht werden, um Charaktermotivationen zu verdeutlichen, Logiklücken zu schließen oder ganz einfach Erzählfehler auszubügeln. Die fast 15-jährige Entstehungsgeschichte des Buches war zweifellos ein wilder Ritt, und an mancher Stelle lassen sich immer noch Überbleibsel davon entdecken. Aber es stört mich nicht. Das Liber Bellorum war vom ersten Moment an meine absolute Lieblingsgeschichte – mein „Baby“, wie man so schön sagt – und es war wahnsinnig spannend, es über die Jahre aufwachsen zu sehen. Rückblickend betrachte ich das Buch als mein eigenes „literarisches Erwachsenwerden“, denn ich habe während seiner Entstehung unvorstellbar viel gelernt – über die Geschichte, über das Erzählen, ja sogar über mich selbst.

Eine „perfekte“ Geschichte gibt es sowieso nicht, und all die kleinen Makel im Liber sind für mich eine Erinnerung daran, wie sehr ich mich als Geschichtenerzähler weiter entwickelt habe. Und vielleicht sind sie ja auch ein Lichtblick für euch alle da draußen, die ihr heute vor demselben Problem steht wie ich vor 15 Jahren. Manchmal braucht es eben einfach noch etwas Übung. Habt keine Angst davor, eine Geschichte auch mehrmals zu erzählen, und lasst euch nicht von Rückschlägen abschrecken! Eure Geduld zahlt sich aus.

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