Ein Fluss aus Blut und ein knöcherner Wall. Eine alte Legende. Ein unausgesprochenes Tabu.

Ich behaupte, früher oder später kommt jeder an diesen Punkt. Manche schon in der „wilden Jugend“, andere in der gefürchteten „Midlife Crisis“, und wieder andere erst im späten „zweiten Frühling“. Ein Moment der Selbsterkenntnis, der aus dem Nichts das ganze Leben auf den Kopf stellt. Man blickt sich um, blickt zurück auf die bisher verlebten Jahre, und blickt nach vorn, auf die noch verbliebenen. Und plötzlich ist „genug“ nicht mehr genug.

Selbst wenn alle Grundbedürfnisse erfüllt sind, und man ein sorgenfreies, sicheres Leben führt, wirkt die Welt plötzlich zu klein. Der Alltag zu grau. Aus dem trauten Heim wird ein goldener Käfig, aus dem man ausbrechen will, obwohl er doch alles bietet, was man nur brauchen könnte. Es liegt in der Natur des Menschen, über sich selbst hinauswachsen zu wollen. Neugier liegt uns im Blut, Stillstand macht uns krank. Aber es ist nicht immer leicht, aus dem goldenen Käfig zu entkommen. Nicht immer ist die Tür auf Anhieb zu finden. Allzu oft ist sie verschlossen und der Schlüssel verloren. Und selbst wenn es gelingt, sie zu öffnen, steht man vor einer letzten, und vielleicht größten Hürde.

Zweifel. Angst vor Scheitern und dem Ungewissen. Oder sogar Angst vor Erfolg. Den Käfig zu verlassen bedeutet auch, seine Sicherheit aufzugeben. Das Gewohnte und Bekannte hinter sich zu lassen und in eine Welt aufzubrechen, die man vielleicht aus der Ferne beobachtet hat, die vielleicht aber auch völlig fremd ist. Und häufig sind die ersten Schritte in dieser neuen Welt alles andere als leicht. Nach der langen Zeit im Käfig haben wir verlernt zu fliegen und müssen ganz von vorne anfangen, während wir den anderen zusehen, die kunstvoll durch die Lüfte gleiten. Und das Internet macht alles nicht besser.

Es ist nie eine gute Idee, sich mit anderen zu vergleichen. Und egal, welche Ambitionen man hat, welche Ziele und Träume, es gibt immer jemanden, der „besser“ ist, als man selbst. Schöner oder erfolgreicher. Das kann entmutigend sein, gerade in diesen ersten Tagen, wenn einem die Bequemlichkeit des alten Alltags noch nachhängt und die frisch verdienten Flügel das Fliegen noch lernen müssen. Und schnell wird aus dem Abenteuer ein Spießrutenlauf. Man fragt sich, wozu das Ganze? Man spielt mit dem Gedanken, in den Käfig zurückzukehren und sich mit der tröstenden Mittelmäßigkeit zufriedenzugeben. Und ich will nicht abstreiten, dass viele Träume von Selbstverwirklichung und Erfüllung am Ende eines steinigen, verschlungenen Weges voller Hindernisse und Stolperfallen liegen. Aber manchmal sind Hürden in uns selbst. Die internalisierten Ängste und Zweifel. Wir sind uns selbst der härteste Kritiker und strengster Käfigwärter.

Die Wahrheit ist, niemand ist je denselben Weg gegangen, wie wir. Und niemand kann uns sagen, was uns auf der anderen Seite erwartet. Vielleicht streckt uns dort der Zorn der Götter nieder, aber vielleicht befindet sich dort auch eine ganze Welt voller Magie und Wunder. Vielleicht findet wir dort die Freiheit, uns zu verwirklichen. Den Mut, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die Macht, die inneren Hürden zu überwinden und selbst zu der gottgleichen Existenz aufzusteigen, die uns ein Leben lang vorherbestimmt war.

Um sich selbst zu überwinden, muss man manchmal eben einfach die Götter verfluchen und auf ihre Grenzen spucken. Warnende Legenden vergessen und veraltete Tabus brechen. Wut, Trotz und Enttäuschung können ein Antrieb sein. Erschöpfung, Resignation und Abgestumpftheit können eine Waffe sein.

Das Leben ist voller Rückschläge – es ist Zeit, zurückzuschlagen.

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