Schreiben ist meine persönliche höchste Form der Kunst.

Schon von frühester Kindheit an war ich absolut kunstbegeistert, und bis heute macht sie einen wichtigen Teil meines Lebens aus. Ich liebe es zu zeichnen und zu malen, ob mit Buntstiften, Öl- oder Acrylfarben, und lerne immer wieder gerne etwas dazu, zuletzt das Malen mit Aquarell. Aber auch abseits von Papier und Leinwand werde ich gern schöpferisch aktiv. Vor allem im Winter greife ich gern zur Häkelnadel und habe mir schon Socken, Hausschuhe und ganze Winterpullover selbst gehäkelt. Im Sommer nähe ich mir dagegen meine eigenen Hawaii-Hemden, per Hand, weil es nicht um Effizienz geht, sondern um Entspannung. Ich spiele Gitarre und schreibe gelegentlich eigene Lieder für meine Freunde. Und auch das Gärtnern ist für mich eine Art von Kunst, eine Auslebung von Kreativität und Schöpfungsdrang. Und egal, ob ich am Ende nun ein Gemälde in der Hand halte, ein Paar warme Socken oder eine Kiste Kartoffeln – es ist ein Hauch von Lebenssinn und Erfüllung. Der greifbare Lohn meiner Arbeit.

Aber keine Kunst ist für mich so unverzichtbar und erfüllend, wie das Schreiben. Keine Arbeit so fordernd und kein Ertrag so lohnend, wie das Schreiben. Vor allem, seit meine Geschichten immer länger werden und mich teilweise über mehrere Jahre und verschiedene Lebensabschnitte hinweg begleiten, ist das Schreiben zu meiner intensivsten Schaffenserfahrung geworden. Die Ideen zu einer neuen Geschichte überkommen mich mittlerweile oft wie prophetische Eingebungen einer höheren Macht. Der Moment, in dem aus einer losen Ideensammlung ein ernstgemeintes Projekt wird – der erste Satz in einem noch jungfräulichen Dokument der unbegrenzten Möglichkeiten – ist wie eine feierliche Initiierung, der Beginn einer neuen Reise, die durch Höhen und Tiefen führt. Die ersten Kapitel sind eine erste Begegnung mit einem Fremden, der sich mit der stetig wachsenden Seitenanzahl in einen Bekannten verwandelt, einen Freund, ein Familienmitglied, einen Seelenverwandten. Die Geschichte entwickelt sich wie diese Beziehung, oft unberechenbar und emotional. Überarbeitungen werden zu einem Dialog, in dem man sich nicht immer einig ist und Kompromisse finden muss. Und ja, das Ende fällt manchmal schwer, denn es bedeutet auch das Ende einer teils Jahrelangen gemeinsamen Reise. Das Ende einer Freundschaft und Liebe, wenn sich die Wege trennen und nur die Erinnerung bleibt. Es ist meist von einem Gefühl von Verlust begleitet und danach brauche ich oft eine Weile, um das gebrochene Herz zu heilen.

Das fertige Buch in der Hand zu halten ist immer ein bittersüßer Lohn. Es ist ein Andenken an die Reise. Jedes Kapitel, jede Seite eine Momentaufnahme, die eine Erinnerung auf dem Papier verewigt. Ein Relikt der Vergangenheit. Ein Grabstein, in Gedenken an etwas, das war und nie mehr sein kann. Aber es ist auch eine Befreiung. Denn nachdem ich die Geschichte über viele Jahre aufgezogen und gepflegt habe und wir beide aneinander gewachsen sind, ist es an der Zeit, sie in die Freiheit zu entlassen. Zu sehen, wie die Geschichte ihre Flügel ausbreitet und in ein neues, eigenes Leben aufbricht, erfüllt mich mit mütterlichem Stolz. Und am Horizont wartet bereits die nächste.

Ich schreibe nicht, um Geld zu verdienen oder berühmt zu werden. Wenn es passiert, dann als angenehmer Nebeneffekt. Ich schreibe, weil ich nicht anders kann. Weil es ein so essenzieller Bestandteil meines Wesens geworden ist, dass ich mich leer und krank fühle, wenn ich längere Zeit nicht dazu komme. Schreiben bedeutet für mich Selbstverwirklichung und emotionalen Ausdruck, deswegen kümmere ich mich nicht groß um Genres, Trends oder Zielgruppen. Und nicht zuletzt ist es auch eine Form von Eskapismus. Wenn die Realität mir mal wieder zu viel wird, dann flüchte ich mich in die tröstende Welt der Fiktion, in der alles möglich ist. Die keine Grenzen kennt, denn die Fantasie ist unerschöpflich. Sie ist meine Leinwand. Die Sprache meine Farben. Und in dieser grenzenlosen Welt kann ich frei sein. Wahr sein. Ich sein.

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