Zeit für Realtalk.

Ich bin hoffnungslos introvertiert, sogar ein wenig einsiedlerisch, und kann mit Social Media jeder Art eigentlich so gar nichts anfangen. Etwa zur Veröffentlichung des Liber Bellorum habe ich mit meinem Instagram Account einen ersten, unsicheren Schritt in die Öffentlichkeit gewagt und es eine Weile lang auch konsequent mit regelmäßigen Posts durchgezogen. Aber allein das Öffnen von Instagram hat mir immer ein wenig Bauchweh gemacht. Jede Interaktion hat mich unter Stress gesetzt. Selbstvermarktung liegt mir gar nicht, Algorithmen und Hashtags sind für mich eine Fremdsprache, die ich gar nicht lernen will. Selbstdarstellung im Internet ist oft oberflächlich und künstlich. Polarisierung und Aufregung werden belohnt, wer nicht mit dem Mainstream schwimmt, geht unter.
Ich habe jeden Moment davon gehasst.

Aber Aufgeben ist keine Option. Und nach mehreren gescheiterten Versuchen, mit dem Strom zu schwimmen, habe ich erkannt, dass ich nicht länger nasse Füße haben will. Um sich als Künstler einen Lebensunterhalt, oder überhaupt etwas zu verdienen, kommt man um Selbstvermarktung nicht herum. Doch viele Wege führen nach Rom. Auf der Autobahn geht es vielleicht schneller, aber abseits der großen Straßen und Menschenmengen, auf den Wanderwegen und Trampelpfaden, gibt es so viel mehr zu entdecken. Hier gebe ich meine eigene Geschwindigkeit vor. Ich kann jederzeit anhalten und eine Pause machen. Vielleicht begegne ich gelegentlich anderen Reisenden. Aber anstatt auf der Überholspur an mir vorbei zu rauschen, setzen sie sich zu mir auf den umgestürzten Baum am Gebirgsbach und wir unterhalten uns eine Weile, bevor sich unsere Wege wieder trennen.

Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, mich anzupassen um dazuzugehören. Ich habe mich so lange so sehr verstellt, dass ich fast vergessen habe, wer ich wirklich bin. Und bei meinem Vorstoß in die Öffentlichkeit bin ich nur wieder in dieselbe Falle getappt. Ich dachte, ich brauche diese „Persona“, diese Verkleidung, um Reichweite zu generieren und Erfolg zu haben. Aber das erneute und so öffentliche Verstellen hat mich nur ausgelaugt und fast kaputt gemacht. Und in Verbindung mit anderen, äußeren Umständen, hat es mich an meinen absoluten Tiefpunkt seit langem geführt.

Und damit wären wir beim eigentlichen Thema, nämlich, wie ich zum Journaling gekommen bin. Kurz gesagt, über YouTube. Ich führe bereits seit einigen Jahren ein Traumtagebuch, und etwa zur selben Zeit, als es mir so schlecht ging, hat mir der Algorithmus lauter Videos zu anderen Journaling-Methoden in den Feed gespült. Viele Creator haben vor allem Dinge wie morning pages (morgens 3 Seiten ungefilterte Gedanken aufschreiben) und commonplace books (eine Art Zitatsammlung) als lebensverändernd beschrieben. Sie haben davon erzählt, wie das analoge Niederschreiben von Gedanken und Festhalten von Zitaten ihnen geholfen hat, endlich vom „doomscrolling“ wegzukommen. Obwohl ich dieses Problem nie hatte, so hat mich das Prinzip doch irgendwie angesprochen. Und zuletzt hat ein ganz bestimmtes Zitat dazu geführt, dass ich meine eigene Journaling-Reise antreten wollte.

“If you’re going through hell, keep going.” (wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter)

Diese wenigen Worte haben irgendeinen Schalter in meinem Kopf umgelegt und noch am selben Tag habe ich ein neues Journal gebastelt (wie das geht, siehst du hier), angelehnt an die commonplace books aus den Videos, um diesen Spruch festzuhalten und mich immer daran zu erinnern, weiterzugehen. Nicht stehenzubleiben, auch – und gerade wenn – alles gerade furchtbar düster und hoffnungslos aussieht.

Mein drittes Journal ist ein wenig eine Mischung aus Dankbarkeitsjournal und klassischem Tagebuch. Hier schreibe ich jeden Abend einige Zeilen über meinen Tag auf, auch wenn nicht viel passiert ist. Und wenn ich einen schlechten Tag hatte, versuche ich, auf dem Papier zu reflektieren und mit einem positiven Gedanken zu enden. Bisher funktioniert es ganz gut. Ich konzentriere mich darauf, positive, witzige oder skurrile Erinnerungen festzuhalten. Aber natürlich gibt es auch Tage, an denen negative Gedanken überwiegen. Vor kurzem hat eine meiner Katzen mir große Sorgen gemacht. Der Tierarzt hat vorsichtige Entwarnung gegeben, aber in der Zwischenzeit war es für mich ein kleiner Weltuntergang (Katzeneltern wissen, wovon ich rede). Das Niederschreiben und Reflektieren auf dem Papier hat mir geholfen, diese Emotionen anzuerkennen und zu verarbeiten.

Auf meiner Reise der Heilung waren diese drei Journals ein wichtiger Schritt und eine große Hilfe. Aber wirklich gerettet hat mich etwas anderes. Und zwar Selbstfindung, Therapie und Antidepressiva. Vor allem gegen letztere habe ich mich lange gesträubt. Grundlos, wie ich jetzt einsehen muss. Aber psychische Beschwerden sind ein unsichtbarer Kampf, der immer noch zu oft kleingeredet und unterschätzt wird. Und sie medikamentös zu behandeln gilt für manche als persönliches Versagen. Das bringt viele Leute dazu, unnötig mehr zu leiden als sie müssten.

Mittlerweile nehme ich täglich Medikamente zur Behandlung meiner Depressionen und ADHS und seit ich auf die für mich richtige Dosierung eingestellt bin, fühle ich mich endlich wie ein echter Mensch. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir, denn vor allem die Antidepressiva sind nur eine Starthilfe. Aber beides war notwendig, um mir überhaupt die Kraft und Zuversicht zu geben, um diesen Weg anzutreten und der Therapie eine Chance zu geben, langfristig erfolgreich zu sein.

Wenn es also eines gibt, das ich über die letzten Monate gelernt habe, und dir gerne mitgeben würde, ist es das: Zu funktionieren bedeutet nicht, glücklich zu sein. Erfolg setzt nicht voraus, ständig gestresst zu sein. Niemand sollte regelmäßige Nervenzusammenbrüche haben. Es ist nicht normal, nach außen zu lächeln, während du innerlich weinst. Hobbys sollten dich erfüllen, anstatt nur Zeit totzuschlagen. Depressionen sind real. Du hast Besseres verdient. Der erste Schritt ist immer der schwerste, aber du musst den Weg nicht alleine gehen. Es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen und eine medizinische Lösung zu suchen. Und wenn du dich mal wieder in der Hölle verirrst, gib nicht auf. Halte durch, bis du den Weg zurück in die Sonne findest.

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