Der Anfang ist gemacht. Ihr habt eine Geschichte gefunden, habt Zeit und Lust, sie aufzuschreiben und die Worte fliegen nur so dahin. Das ist schon einmal ganz wunderbar! Aber auch nicht ganz ungefährlich.

Stellt euch vor, ihr seid auf dem Ozean unterwegs. Die Geschichte ist euer Segelschiff, die Inspiration der Wind in den Segeln und ihr seid der Kapitän. Wenn ihr sicher an eurem Ziel ankommen wollt, werdet ihr hin und wieder das Steuer in die Hand nehmen müssen, um Hindernisse und Unwetter sicher zu umfahren – und vor allem müsst ihr immer wissen, wo ihr seid. Das bedeutet, ihr müsst eure bisherige Reise festhalten, aufschreiben und daraus lernen. Der Aufwand der Dokumentation orientiert sich dabei am Umfang der Geschichte. Auf dem Tümpel hinter dem Haus braucht ihr keine großen Orientierungspunkte, um mit einem Ruderboot das gegenüberliegende Ufer zu erreichen. Wenn ihr allerdings von Spanien nach Amerika segeln wollt, solltet ihr schon genau wissen, was ihr tut und wo es hingeht. Eine einseitige Kurzgeschichte mag also vielleicht noch ganz ohne organisatorische Notizen auskommen, bei einer zwölfteiligen Romanreihe hingegen bietet es sich an, auch noch im letzten Band zu wissen, was ganz am Anfang passiert ist.

Bei mir hat sich die Kalender-Methode bewährt. Das heißt, nachdem ich eine Szene geschrieben habe, notiere ich mir die Ereignisse der Geschichte im Stil eines Kalenders, z.B. „Juli, 7: VOLLMOND//[Name] erreicht [Stadt] und trifft auf [Name2]//Feuer im Wald“

Die Notizen dürfen so kurz oder ausführlich sein, wie ihr es wollt. Hauptsache ihr wisst, wann und wie die Dinge passiert sind, wenn sich nach 300 Seiten jemand darauf bezieht. Es hilft auch, eine Charakterliste zu erstellen. Auch hier ist jede Form recht, zu detailliert sollte sie aber nicht sein, da sich ein Charakter im Laufe der Geschichte auch verändern kann und soll. Trotzdem kann es nicht schaden, zu wissen, wie die Figuren heißen, wie alt sie sind und welche Haarfarbe sie haben.

Die Dokumentation all dieser Kleinigkeiten ist besonders wichtig, da wir den Schreibprozess sozusagen rückwärts aufziehen. Wir planen nicht voraus, sondern lassen die Geschichte einfach passieren, wollen aber trotzdem auf dem richtigen Kurs bleiben. Wir stechen also in See, ohne so recht zu wissen, wo wir hinwollen. Aber indem wir unsere bisherige Route genau aufzeichnen, stellen wir trotzdem sicher, dass wir uns nicht verirren und letztendlich nur im Kreis fahren.

Das mag im ersten Moment unkoordiniert und ineffizient wirken. Aber indem wir der Geschichte diese Freiheit geben, ohne sie auf einen festgelegten Kurz zu zwingen, geben wir ihr auch die Möglichkeit, uns immer wieder zu überraschen. Wenn wir dem Wind erlauben, uns hin und wieder vom direkten Weg abzubringen, können die wundersamsten Dinge geschehen: Unerwartete Wendungen, neue Charaktere, verborgene Hintergründe, alles womit wir nie gerechnet hätten. Oft genug füllen sich damit Lücken in der Geschichte, von denen wir nicht einmal geahnt haben, dass sie überhaupt existieren. Und wenn wir auf dem abgeschiedenen Eiland doch nichts Nützliches finden, haben wir ja unseren bisherigen Kurs aufgezeichnet und können problemlos auf den ursprünglichen Weg zurückfinden. Das heißt auch: seid euch nicht zu schade, vergangene Szenen abzuändern, anzupassen oder ganz zu löschen. Ich musste schon ganze Charaktere und Handlungsstränge aus Geschichten löschen, weil der Abstecher sich als Sackgasse herausgestellt hat.

Kurz gesagt: Alles ist möglich und nichts ist in Stein gemeißelt! Lasst euch auf das Abenteuer mit der Geschichte ein, ohne ihr zu viel vorzuschreiben. Die Geschichte wird es euch danken.

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