Mary-Sue – ein Name und Konzept, vor dem jeder Schriftsteller und Kritiker, der halbwegs etwas auf sich hält, grausend zurückschreckt. Das Konzept des unangreifbaren, alleskönnenden (und meist weiblichen) Protagonisten ist in Young Adult Fiction weit verbreitet und wird meist nicht sehr positiv aufgenommen. Die offensichtliche Unfehlbarkeit dieser „perfekten“ Charaktere macht sie unnahbar, unglaubwürdig und oft einfach nur unausstehlich. Dabei ist es möglich, einen scheinbar perfekten Auserwählten der Götter zu erzählen, ohne in die Falle der Mary-Sue zu tappen. Denn einer der Gründe – vielleicht sogar der Hauptgrund, warum eine Mary-Sue uns oft so unsympathisch vorkommt, ist, dass ihre Handlungen kaum Konsequenzen nach sich ziehen.

Wäre der Prinz aus unserem Märchen zum Beispiel eine Mary-Sue (oder Gary-Stu, wie ihre männliche Variante gern genannt wird), würde er den Drachen ohne Probleme erschlagen. Die Prinzessin würde sich sofort in ihn verlieben, der König würde seine Entscheidung, sich gegen die arrangierte Hochzeit zu stellen, ohne größeren Widerstand akzeptieren und das politische Bündnis mit dem Nachbarsreich käme trotzdem zustande. Doch dieser Handlungsverlauf untergräbt die zuvor erwähnten Motivationen der Nebencharaktere und nimmt der Geschichte damit ihre Basis, bringt ihre Grundmauern ins Wanken und droht, das gesamte Gebilde einstürzen zu lassen.

Wenn jedoch jede Handlung des Prinzen Konsequenzen nach sich zieht, fällt es viel leichter, über seine Unfehlbarkeit hinwegzusehen und ihn als erzählwürdigen Protagonisten zu akzeptieren: Er besiegt den Drachen, geht aus dem Kampf aber verletzt und geschwächt hervor. Die Prinzessin ist ihm dankbar für seine Rettung, aber der König ist mit ihrer Liebe nicht einverstanden und sie werden beide aus dem Königshaus verstoßen. Die abgesagte politische Heirat stürzt beide Länder ins Chaos, vielleicht sogar in einen Krieg. Und letztendlich ist es zwar der Prinz, der – vielleicht mit der Hilfe seiner Mutter – den Frieden wiederherstellt, aber auf die Kosten seiner Familie, denn sein Vater, der König, ist im Krieg gefallen und alle Charaktere gehen verändert aus der Erfahrung hervor.

So überwältigend und anstrengend es auf den ersten Blick vielleicht wirkt, immer darauf zu achten, dass diese drei Dinge in perfekter Beziehung zueinander stehen – gerade das ist ja das Schöne an Motivationen, Konflikten und Konsequenzen: ihre enge Beziehung. Oft braucht es nur die eine, erste Handlung, die ihr ganz am Anfang eures Schreibprozesses festgehalten habt, und von der alles andere ausgeht. Wie ein Schneeball, der einen Hang hinunterrollt und immer größer wird, bis er eine Lawine auslöst – wächst auch eure Geschichte von der einen Motivation, die ihr bereits beschrieben habt über die Konflikte, der sie begegnet und die Konsequenzen, die ihre Lösung nach sich zieht, bis hin zur nächsten Motivation, die daraus hervorgeht. Es ist ein ewiger Kreislauf, den ihr entspannt beobachten könnt und nur noch aufschreiben müsst.

Unsere Leserwertung
[Gesamt: 2 Durchschnitt: 5]